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Erst die Röhre, jetzt die Cloud.

Anthropic geht mit einer Bewertung an die Börse, die das polnische Bruttoinlandsprodukt übersteigt. Eine einzige Emission könnte dreimal so viel einbringen wie alle europäischen KI-Gigafabriken zusammen. Und Polen und Deutsche prüfen weiter, wer stärker zurückliegt. Dabei sitzen beide längst auf derselben Seite des Tisches: dort, wo die Rechnung ankommt. Diesen Film haben wir schon gesehen. Er hieß Nord Stream.

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Anthropic geht mit einer Bewertung an die Börse, die das polnische Bruttoinlandsprodukt übersteigt. Eine einzige Emission könnte dreimal so viel einbringen wie alle europäischen KI-Gigafabriken zusammen. Und Polen und Deutsche prüfen weiter, wer stärker zurückliegt. Dabei sitzen beide längst auf derselben Seite des Tisches: dort, wo die Rechnung ankommt. Diesen Film haben wir schon gesehen. Er hieß Nord Stream.

Waage, die sich zum schwereren Block mit dem Anthropic-Logo neigt, der Block in den Farben Polens hängt höher, dahinter die EU-Flagge.

In der zweiten Novemberhälfte, wenn man dem „Wall Street Journal“ glaubt, geht Anthropic, der Entwickler von Claude, an die Nasdaq. Einen Preis und ein Datum hat das Unternehmen noch nicht genannt. In der Presse war von zwei Billionen Dollar die Rede, doch die Anleger gehen schon auf rund anderthalb herunter. Polen erwirtschaftet im Jahr etwas mehr als eine Billion. Das ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, die Größenordnung zeigt er trotzdem.

Im selben Monat, am 12. November, endet die Angebotsfrist für die europäischen KI-Gigafabriken. Höchstens sieben sollen entstehen, zusammen für mehr als 30 Milliarden Euro, und den größten Teil des EU-Geldes muss man erst noch im nächsten Haushalt finden. Allein die Emission von Anthropic könnte das Dreifache wert sein.

Um die Gigafabriken bewerben sich Polen und Deutschland getrennt. Polen sucht Partner in Litauen und Tschechien, und die deutschen Unternehmen konnten sich 2025 nicht einmal untereinander einigen. Die Minister beider Länder sprechen gern über europäische digitale Souveränität. Ein gemeinsames Projekt ist bislang nicht zu sehen.

Sikorski hatte kein Fingerspitzengefühl. Aber recht

KI-generierte Illustration: zwei Figuren, die Radosław Sikorski und Donald Tusk ähneln, vor einer Gasleitung, dahinter das Brandenburger Tor.
KI-generierte Illustration, kein Foto. Die Figuren sind an Radosław Sikorski und Donald Tusk angelehnt.

Im Frühjahr 2006 verglich Polens Verteidigungsminister Radosław Sikorski das deutsch-russische Pipeline-Abkommen mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Deutsche Politiker verlangten, er solle das zurücknehmen. Der Vergleich war überzogen und unnötig. Die Warnung nicht.

2014 schlug Polens Regierungschef Donald Tusk vor, die EU solle ihr Gas gemeinsam einkaufen, über eine einzige Stelle. Berlin war nicht begeistert: Der Markt werde das besser regeln als Beamte. Deutschland hörte nicht hin und kaufte weiter. 2020 kam mehr als die Hälfte seiner Gasimporte aus Russland. Den Rest der Geschichte kennt jeder, der 2022 seine Heizkostenabrechnung geöffnet hat.

Polen hat keinen Grund zu übertriebenem Stolz. Es kaufte selbst bei Gazprom, bis Gazprom ihm den Hahn zudrehte. Der Unterschied: Parallel baute es sich einen Ausgang, das Flüssiggasterminal in Świnoujście und die Baltic Pipe.

Ein KI-Modell ist keine Röhre, und Amerika ist nicht Russland. Den Anbieter wechselt man leichter, und niemand bedroht hier jemanden. Nur unterschreibt niemand je eine Abhängigkeit. Man unterschreibt ein gutes Angebot: günstig, bequem, nicht abzulehnen. Auch Gazprom war einmal ein gutes Angebot. Die Rechnung kommt später.

Zwei Kunden, eine Kasse.

Polen schämt sich, dass bei ihm 8,4 Prozent der Unternehmen KI nutzen, in Deutschland aber 26. Deutschland hat einen eigenen Grund zur Scham: Die Mehrheit der Firmen mit KI gibt zu, noch nichts aus ihr herausgeholt zu haben, und jede dritte hält an ihr vor allem aus Angst fest, die anderen könnten davonziehen. Beide Länder zählen Einkäufe, nicht Ergebnisse.

Das sieht aus wie der Streit zweier Kunden darüber, wer sich zuerst an derselben Kasse anstellen darf. In amerikanische KI-Firmen floss 2025 vierzehnmal so viel privates Geld wie in ganz Europa. Mistral, der französische Hersteller von KI-Modellen und Europas größte Hoffnung, hat in diesem Jahr 3 Milliarden Euro eingesammelt, ein Rekord für unseren Kontinent. Die amerikanischen Giganten investieren so viel in zwei Tagen.

Sich damit ein Wettrennen liefern? Womit denn. Modelle kann man kaufen wie Strom. Vorausgesetzt, jemand rechnet nach, ob die Marge höher ausfällt als ohne sie, und nicht nur, ob die Präsentation für den Aufsichtsrat schöner wird.

Der Subunternehmer mit dem neuesten Modell.

Eine polnische Firma führt KI ein und senkt ihre Kosten. Der deutsche oder irgendein anderer Kunde muss davon nichts wissen. Er hat immer auf den Preis gedrückt und drückt weiter. Nur haben das billigere Werkzeug jetzt alle Lieferanten, also wird früher oder später einer von ihnen einen niedrigeren Preis anbieten, und die anderen müssen nachziehen.

Das heißt nicht, dass sich KI nicht lohnt. Wer sie nicht einführt, kann aus dem Spiel fliegen. Nur ist im Spiel zu bleiben noch kein Sieg. Wer ersetzbar ist, arbeitet für den Rabatt eines anderen, in Großpolen genauso wie in Schwaben. Die Marge hält, wer etwas Eigenes hat, mit Algorithmus oder ohne. Eine polnische Firma mit der neuesten KI und ohne eigenes Produkt bleibt ein Subunternehmer, nur besser informiert.

Die Walze hält niemand auf.

Straßenwalze mit US-Flagge und der Aufschrift AI rollt über eine EU-Flagge, dahinter die Europafahne und eine Stadtsilhouette.

Muss man sich darauf vorbereiten, die amerikanische Walze abzuwehren? Abwehren lässt sie sich nicht. Das Monopol, vor dem sich alle fürchten, gibt es vorerst auch nicht. Große Unternehmen nutzen mehrere Modelle zugleich, chinesische offene Modelle sind billig, und die Preise sinken.

Nur hat niemand versprochen, dass sie immer sinken werden. Wer Hunderte Milliarden in Rechenzentren steckt und Aktien an Anleger der Nasdaq verkauft, wird ihnen das eines Tages zurückzahlen müssen. GitHub, Cursor, OpenAI und Anthropic rechnen Werkzeuge für Programmierer bereits nach Verbrauch ab, zumindest teilweise.

Die Alternative zum amerikanischen Abo ist das chinesische, und die Analysten von MERICS warnen vor einer schnellen Abhängigkeit Europas von den dortigen Modellen. Kalifornien oder China: Man kann wählen, wem man zahlt. Man kann nicht wählen, nicht zu zahlen.

Und es geht längst nicht mehr nur um die Rechnung. An Allerheiligen sperrte die polnische Armee ihren Parkplatz am Friedhof Osobowice in Breslau für chinesische Autos, die übrigen mussten ihre Kameras abkleben. Wenn ein chinesisches Auto nicht neben einer Kaserne stehen darf, ist schwer zu verstehen, warum ein Modell in die Behörde oder den Stab einziehen soll. Tschechien hat DeepSeek aus der Verwaltung verbannt, weil chinesische Firmen mit den dortigen Diensten zusammenarbeiten müssen. Der Rechtschef von Microsoft in Frankreich räumte unter Eid vor dem Senat ein, er könne nicht garantieren, dass Daten von Franzosen nicht bei der US-Regierung landen, auch wenn das bisher nicht vorgekommen sei. Die Bundeswehr und die NATO in Bydgoszcz kaufen bereits die Cloud von Google, aber vom Internet getrennt. Geheimnisse bewahrt man nicht im Abo auf.

Polen und Deutschland könnten die EU also gemeinsam zu etwas weniger Glanzvollem als Ranglisten drängen: gemeinsam einzukaufen, die eigenen Daten zu behalten und das Recht auf Ausstieg in die Verträge zu schreiben. Es ist derselbe Gedanke, mit dem Tusk 2014 kam. Damals ging es um Gas, und der Lieferant hieß Gazprom.

Flaggen Polens und Deutschlands neben einem Dokument mit EU-Symbol, dahinter eine durchgestrichene Gazprom-Leitung.

Polen hatte schon einmal allein recht. Die Rechnung bekam es zusammen mit Deutschland, das nicht recht hatte. Diesmal wird es billiger, gemeinsam recht zu haben.

Zum Nachprüfen:

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