Am 12. November 1989 stand ich nur hundert Meter von der Stelle entfernt, an der sich Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki bei der Versöhnungsmesse in Kreisau (Krzyżowa) umarmten. Heute weiß ich: Politiker können einen Vertrag unterzeichnen und sich herzlich umarmen, aber sie können nicht mit einer einzigen Geste zwei Gesellschaften versöhnen.

Damals glaubte ich, das Ende der Versöhnung zu sehen. Nach 37 Jahren verstehe ich, dass ich ihren Anfang miterlebt habe.
Zwei Deutsche
Stellen wir uns zwei Deutsche vor.
Der erste arbeitet in einem deutsch-polnischen Unternehmen. Er hat seine Gewohnheiten, seine Stärken und Schwächen. Manchmal ist er unerträglich penibel, manchmal bewahrt er ein gemeinsames Projekt vor dem Scheitern. Man kann sich mit ihm über einen Liefertermin streiten und am nächsten Tag gemeinsam ein Problem lösen.
Der zweite Deutsche wohnt im Fernseher. Er hat weder Namen noch Gesicht. Dafür vertritt er eine ganze Nation. Er ist zuständig für die Politik Berlins, deutsche Wirtschaftsinteressen, Entscheidungen aus Brüssel und gelegentlich auch für Ereignisse, die achtzig Jahre zurückliegen.
Den ersten kann man kennenlernen. Den zweiten kann man vor allem beurteilen.
Natürlich ist das eine Vereinfachung. Aber vielleicht veranschaulicht sie recht gut ein Paradox der heutigen deutsch-polnischen Beziehungen. Je mehr Möglichkeiten wir zum direkten Kontakt haben, desto stärker kann sich die politische Erzählung über den Nachbarn von der persönlichen Erfahrung entfernen.
Dreizehn Prozentpunkte

Die Ergebnisse des Deutsch-Polnischen Barometers 2025 enthalten einen aufschlussreichen Befund. Unter den Polen, die Deutschland mindestens einmal besucht hatten, bekundeten 38 Prozent Sympathie für die Deutschen. Unter jenen, die noch nie dort gewesen waren, lag der Anteil bei 25 Prozent.
Dreizehn Prozentpunkte Unterschied sind noch kein Beweis dafür, dass eine Deutschlandreise von Vorurteilen heilt. Schließlich könnten Menschen, die Deutschen offener gegenüberstehen, auch eher dorthin reisen.
Doch der Befund lässt sich schwer ignorieren.
Zumal diejenigen, die Deutschland besucht hatten, Deutsche auch häufiger in konkreten gesellschaftlichen Rollen akzeptierten. Als Kollegen, Nachbarn oder Menschen, die in ihrem Umfeld bestimmte Funktionen ausüben.
Die Untersuchung zeigte auch weniger Erfreuliches. Insgesamt bekundeten nur 32 Prozent der Polen Sympathie für die Deutschen. Ein Viertel äußerte Abneigung. Das ist eine deutliche Verschlechterung gegenüber früheren Jahren.
Auf deutscher Seite sah es anders aus. 42 Prozent der Befragten bekundeten Sympathie für die Polen, lediglich 9 Prozent Abneigung.
Bei dieser Asymmetrie lohnt es sich, innezuhalten. Hier wenden sich nicht zwei Gesellschaften im gleichen Maße voneinander ab. Vor allem die polnischen Bewertungen der Deutschen verschlechtern sich, während die deutsche Haltung gegenüber den Polen deutlich stabiler bleibt.
Und noch ein Befund aus den Untersuchungen: In Polen hängt die Einstellung zu Deutschen eng mit politischen Präferenzen und den gewählten Informationsquellen zusammen.
Das bedeutet nicht, dass ein bestimmter Fernsehsender automatisch Abneigung produziert. Zuschauer wählen schließlich auch Medien, die ihren bereits vorhandenen Überzeugungen entsprechen. Doch es lässt sich kaum übersehen, wie eng Politik, Medien und das Bild des Nachbarn heute miteinander verbunden sind.
Eine Versöhnung, die nicht zu Ende gehen will
In einem Oktoberinterview für „DIALOG online“ greift Robert Żurek die Frage auf, ob Polen und Deutsche weiterhin Versöhnung brauchen oder ob wir bereits von gewöhnlicher Nachbarschaft sprechen können.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Versöhnung setzt eine Vergangenheit voraus, die aufgearbeitet werden muss. Gewöhnliche Nachbarschaft hingegen bedeutet einen Alltag, in dem nicht jedes Gespräch mit der Geschichte beginnen muss.
Żurek erinnert daran, dass der Versöhnungsprozess nicht endgültig abgeschlossen ist. Die deutsche Verantwortung für die an Polen begangenen Verbrechen, die Erinnerung an die Opfer und die Frage der Wiedergutmachung verschwinden nicht dadurch, dass beide Staaten der Europäischen Union angehören.
Dem lässt sich schwer widersprechen.
Aber man kann eine andere Frage stellen. Ist die Versöhnung, über die Historiker, Politiker und Vertreter von Institutionen sprechen, genau derselbe Prozess, der zwischen ganz normalen Menschen stattfindet?
Vielleicht nicht.
In den achtziger Jahren bedeuteten die Hilfspakete, die Deutsche nach Polen schickten, weit mehr als den Wert ihres Inhalts. Hinter dem abstrakten Begriff „die Deutschen“ wurde ein konkreter Mensch sichtbar, der helfen wollte.
Heute sind an die Stelle der Pakete gemeinsame Projekte, Arbeitsplätze, Studienaufenthalte, Reisen und Freundschaften getreten.
Die Form des Kontakts hat sich verändert, der Mechanismus ist ähnlich geblieben. Einer ganzen Nation bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben fällt leichter, wenn man keinen einzigen ihrer Angehörigen kennt.
Nachbarschaft braucht keine Zeremonien
Die deutsch-polnische wirtschaftliche Zusammenarbeit hat heute ein Ausmaß, das 1991, als der Vertrag über gute Nachbarschaft unterzeichnet wurde, kaum vorstellbar gewesen wäre. Darüber haben wir in einem unserer Beiträge geschrieben.
Unternehmen auf beiden Seiten der Oder gehören zu gemeinsamen Lieferketten. Polnische Führungskräfte leiten deutsche Teams. Deutsche Manager verantworten Investitionen in Polen. Unternehmen konkurrieren, verhandeln und arbeiten zusammen.
Das sollte man nicht idealisieren. Gemeinsame Geschäfte können Konflikte ebenso zuverlässig hervorbringen wie die Politik. Unterschiede bei Löhnen, Interessen, Führungsstilen oder Verhandlungspositionen sind real.
Doch in solchen Beziehungen reicht die Nationalität nicht mehr aus, um das Verhalten des anderen zu erklären.
Ein deutscher Geschäftspartner kann unzuverlässig sein, ein polnischer Lieferant hervorragend. Es kann auch umgekehrt sein. Am Ende zählen Kompetenz, Preis, Termintreue und Vertrauen.
Das sind ziemlich nüchterne Kriterien. Vielleicht wirken sie gerade deshalb so gut.
Zusammenarbeit verlangt kein Bekenntnis zur Sympathie für eine ganze Nation. Sie verlangt Verlässlichkeit und die Einhaltung von Zusagen.
Man kann also Deutschland als Staat ohne besonders warme Gefühle gegenüberstehen und zugleich einen deutschen Kollegen außerordentlich schätzen oder während eines Erasmus-Semesters Freundschaften schließen. Man kann die Politik Berlins kritisieren und sich mit Menschen jenseits der Grenze bestens verstehen.
Das ist kein Widerspruch. Das ist Normalität.
Medien beschreiben Staaten. Menschen lernen Menschen kennen
Das Deutsch-Polnische Barometer 2026 zeigt, wie verbreitet Kontakte zum Nachbarland inzwischen sind. 59 Prozent der befragten Polen hatten Deutschland nach 1990 besucht. 42 Prozent der Deutschen waren nach 1989 in Polen gewesen.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass wiederholte Besuche mit einem positiveren und konkreteren Bild des Nachbarn zusammenhängen. Menschen ohne solche Erfahrungen haben häufiger keine ausgeprägte Meinung.
Das ist auch mit Blick auf die Medien interessant.
Wer Deutschland nicht kennt, muss sein Wissen über dieses Land irgendwoher beziehen. Meist erhält er Informationen über Regierung, Wirtschaft, Migration, politische Konflikte oder historische Ereignisse.
Seltener erfährt er, wie ein gewöhnlicher Arbeitstag in einem deutschen Unternehmen aussieht oder weshalb ein polnisches und ein deutsches Team, manchmal sogar zwei Armeen, gut zusammenarbeiten können.
Nicht, weil Journalisten etwas verheimlichen. Sondern weil Normalität selten eine Nachricht ist.
Niemand produziert eine abendliche Nachrichtensendung mit der Schlagzeile: „Pole und Deutscher schließen gemeinsames Projekt termingerecht ab. Beide Seiten zufrieden“.
Dabei dürfte es von solchen Ereignissen erheblich mehr geben als von politischen Streitereien.
So entsteht eine eigentümliche Situation. Alltägliche Beziehungen schaffen gegenseitiges Vertrauen, bleiben aber nahezu unsichtbar. Politische Konflikte besetzen die Titelseiten, obwohl nur ein kleiner Teil der Gesellschaft unmittelbar an ihnen beteiligt ist.
Das Außergewöhnliche erscheint schließlich als Regel. Und das Gewöhnliche als Ausnahme.
Geschichte steht der Normalität nicht im Weg

Ich möchte daraus allerdings nicht den Schluss ziehen, dass Geschichte keine Rolle mehr spielt, nur weil Polen und Deutsche zusammenarbeiten können.
Das wäre bequem, aber unredlich.
Im Barometer 2025 waren immerhin 58 Prozent der Polen der Ansicht, Deutschland solle weitere Schritte zur Wiedergutmachung für die an Polen begangenen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs unternehmen. Unter den Deutschen teilten 23 Prozent diese Auffassung.
Dieser Unterschied ist keine Erfindung der Medien. Er zeigt eine tatsächliche Verständigungslücke in einer wichtigen historischen und moralischen Frage.
Żurek hat also Grund, an die unvollendete Versöhnung zu erinnern.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede deutsch-polnische Beziehung eine Geisel dieser Frage bleiben muss.
Man kann vom deutschen Staat einen ehrlichen Umgang mit der Geschichte verlangen und zugleich einen deutschen Freund mögen. Man kann Wiedergutmachung erwarten und gemeinsam Geschäfte machen. Man kann sich an die Vergangenheit erinnern, ohne daraus eine tägliche Anklage gegen den heutigen Nachbarn zu machen.
Ein Staat trägt historische und politische Verantwortung. Ein konkreter Mensch wird nicht automatisch zum Adressaten sämtlicher Vorwürfe gegen seinen Staat.
Diese Unterscheidung schwächt die historische Erinnerung nicht. Im Gegenteil: Sie erlaubt es, sie ernst zu nehmen, statt sie in ein pauschales Etikett zu verwandeln.
Wer braucht eigentlich Versöhnung?
Vielleicht lohnt es sich, Żureks Frage heute ein wenig umzudrehen.
Nicht nur: Haben sich Polen und Deutsche bereits versöhnt?
Sondern auch: In welchen Bereichen ist Versöhnung weiterhin nötig, und wo haben die Gesellschaften bereits gelernt, ohne ihre feierliche Inszenierung miteinander auszukommen?
Wir kennen die Antwort nicht für alle gesellschaftlichen Gruppen. Die Untersuchungen erlauben noch nicht die Aussage, dass Menschen, die regelmäßig beruflich mit Deutschen zusammenarbeiten, weniger anfällig für politische Stereotype sind als Menschen ohne solche Kontakte.
Wir wissen hingegen, dass persönliche Erfahrungen mit dem Nachbarn mit einem wohlwollenderen Bild von ihm zusammenhängen. Und wir wissen, dass sich polnische Meinungen über Deutsche je nach Parteipräferenz und Informationsquelle stark unterscheiden.
Zwischen diesen beiden Befunden liegt ein interessanter Raum.
Möglicherweise entwickeln sich institutionelle Versöhnung und gewöhnliche Nachbarschaft heute in unterschiedlichem Tempo. Erstere muss sich weiterhin mit Geschichte, Verantwortung und Politik auseinandersetzen. Letztere besteht täglich eine einfachere Prüfung: Kann man sich aufeinander verlassen?
Diese Prozesse stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Keiner ersetzt den anderen.
Aber es lohnt sich zu erkennen, dass fünfunddreißig Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags nicht mehr jeder Kontakt zwischen einem Polen und einem Deutschen ein historisches Ereignis ist.
Manchmal begegnen sich einfach zwei Menschen.
Und vielleicht gehört gerade das zu den größten Errungenschaften der Versöhnung: dass man nicht bei jeder Begegnung an sie denken muss.
Zum Nachprüfen
Fakten:
- Deutsches Polen-Institut: Deutsch-Polnisches Barometer 2025 (PDF)
- Deutsches Polen-Institut: Deutsch-Polnisches Barometer 2026 (polnische Fassung, PDF)
Kommentare:
- DIALOG online, 22.10.2026: Versöhnung oder bereits normale Nachbarschaft? (Wojciech Szymański im Gespräch mit Robert Żurek)
- DIALOG online, 24.09.2026: Neues Deutsch-Polnisches Barometer: „Asymmetrie in den Kontakten“




